Amerika will groß bleiben

Von Carsten-Pieter Zimmermann

Kann der amerikanische Traum die Bewohner der USA dauerhaft von innen- und außenpolitischen Konflikten ablenken? Nein, müsste nach einem Lokalaugenschein die Antwort lauten.

Los Angeles. Schon bei der Landung am Flughafen LAX schreien es mir die Titelseiten der Zeitungen entgegen: Wieder Skandale rund um Donald Trump und sein Gefolge, wieder Untersuchungen und Hickhack zwischen Republikanern und Demokraten. Hurrikan Irma, der gerade auf Florida zusteuert, gerät zum Teil in den Hintergrund. Selbst der immigration officer, der mir die Einreise in die Vereinigten Staaten offiziell genehmigen muss, fragt mich über seinen Schalter hinweg, ob wir in Europa auch so viele politische Skandale haben, und weshalb es wohl seit der Präsidentschaft von Donald Trump so viele Skandale gibt. Ich versuche, mich dazu möglichst wenig zu äußern und lasse inzwischen gehorsam meine Fingerabdrücke scannen.

Die US-Amerikaner sind sich bewusst, dass es in der eigenen Bevölkerung heftig brodelt und es innerhalb ihrer Grenzen wesentlich ungemütlicher geworden ist. Tote bei Auseinandersetzungen zwischen links und rechts werden in diesen Tagen zum Gesprächsthema im Supermarkt und im Restaurant. Wer in den USA geboren ist, macht sich um seine Sicherheit sorgen. Wer vor Jahren dorthin emigriert ist, fragt sich, ob sie oder er vielleicht besser in absehbarer Zeit wieder ausreisen sollte.

So geht es auch Andrea Dimity. Sie ist Filmproduzentin und spielt in der ersten Reihe von Hollywood mit. Einer ihrer Klienten dreht gerade mit Filmstar Margot Robbie. Seit mehr als zehn Jahren lebt und arbeitet Andrea in Kalifornien. Sie hat in Los Angeles Familie, ihren festen Wohnsitz und Freunde, doch beim Thema Politik wird ihr Gesichtsausdruck ernst. Amerika, das war bisher für sie das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und nun muss sie sich Sorgen machen, ob sie das, was sie sich hier aufgebaut hat, bald aufgeben wird müssen. Zur Sicherheit pflegt sie ihre Kontakte in ihr Herkunftsland Ungarn vorläufig besonders intensiv. Man kann ja nie wissen. Nach unserem Treffen in einer Bäckerei, die so groß ist wie ein Turnsaal, kippt sie entschlossen ihren Orangensaft hinunter, „back to business“, denn für tiefer gehende Gedanken ist jezt keine Zeit. Der TV-Preis „Emmy Awards“ steht vor der Tür, ändern könne sie sowieso nichts.

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Andrea Dimity, Filmproduzentin in L.A.

Ein noch viel dramatischeres Bild schildert uns Prinzessin Ratri Anindya, Bühnen- und Filmproduzentin indonesischer Abstammung, über wenige Ecken mit dem indonesischen Königshaus verwandt. Auch in ihrer Branche herrsche seit der letzten Wahl eine Stimmung, die eine Mischung aus Trauer und Resignation ist. Amerika scheine auf einem Kurs der Abschottung zu sein, eine Richtung von der die Hardliner profitieren würden, die creative industry dies jedoch mit Skepsis beobachtet, obwohl gerade dort Begeisterung für die amerikanische Idee herrsche. Ironischer Weise verhandelt Anindya gerade mit der Familie Obama ein Projekt, befasst sich also mehr als sonst mit Politik.

Jason arbeitet an der Kassa des Franchise-Unternehmens Starbucks in Studio City. Er findet es gut, dass Amerika wieder den Amerikanern gehören soll und wieder die Nummer eins weren soll. Man sei doch ein freies Land und darauf sei er stolz. Wenn andere seine Meinung nicht teilten, dann sei dies deren Problem.

Sogar in der entspannten Atmosphäre des Football-Spiels Stanford vs. USC Trojans im beeindruckenden Los Angeles Memorial Coliseum liegt auf einmal Nervosität in der Luft, als die Abgänger der Eliteuniversität Stanford bei Bier und Rippchen das Thema Politik streifen. In der Freizeit wollen die Doktoren und millionenschweren Mitglieder der High Society Streit lieber vermeiden und ziehen deshalb einen diplomatischen Ton vor. Trotzdem will man sich austauschen, wissen, was andere von der Situation halten. Wird Nordkorea die USA tatsächlich angreifen? Ist ein rauher Ton angebracht, oder soll Amerika das Säbelrasseln lieber ignorieren? Wie stünden die USA denn da, wenn man sich alles gefallen lässt? Klein beigegen ginge jedenfalls nicht. Michael, auch er hat den Doktor der Medizin in Stanford gemacht, will gerne waschechter Amerikaner bleiben dürfen und stolz auf seine Regierung sein dürfen, lässt sich auf hitzige Diskussionen an diesem schönen Tag lieber nicht ein.

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Stanford vs. USC Tailgate

Wenig später dröhnt im Tiefflug eine Transportmaschine der U.S. Air Force über das Stadion, das mehr als 90.000 Zuschauer fasst; ohrenbetäubender Lärm, Jubel auf den Tribünen – offen gelebter Patriotismus sogar bei Kritikern, egal ob mit Universitätsabschluss oder nicht.

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Los Angeles Memorial Coliseum, Stanford vs. USC

New York. Ich tauche in die quirrlige Stimmung in Soho auf Manhattan Island ein. Es ist die Woche der New York Fashion Week und hier tummeln sich jetzt schrille Vögel, Fotografen und Designer. Es ist in dieser Zeit ganz normal, wenn Karl Lagerfeld im Café am Nebentisch sitzt. Das bunte Treiben lässt sich nicht durch Weltliches stören. Die Mode ist alles, deshalb sei man hier in den New York, einer Mode-Weltstadt, Politik komme später.

Fashion Week bedeutet auch, dass noch mehr Menschen von A nach B müssen, als sonst üblich, und der Verkehr stockt in den Straßen. Noch dazu ist gerade der 11. September. Das Aufgebot an Sicherheitskräften ist an Hotspots der Stadt enorm: Militär, NYPD und State Police direkt nebeneinander – alle mit schusssicheren Westen, Helmen und Maschinengewehren. Der Trump Tower auf der 5th Avenue ist rund um die Uhr mit Absperrungen und gut 20 Mann abgesichert.

In der 29th Street betreiben Henri Myers und Tom Blackie die Galerie und das Geschäft „Maison 10“. Die beiden führen eine gleichgeschlechtliche Ehe, Myers ist schwarz, Blackie ein weißer Schotte und somit Einwanderer. Das Paar ist der Inbegriff von Toleranz und Vielfalt. Man sei froh, dass die Stadt einen so hohes Niveau habe, denn dies würde vieles ausgleichen. In anderen US-Bundesstaaten würden sich Künstler schon seit einiger Zeit nicht mehr wohl fühlen.

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Henri Myers und Tom Blackie

Im „Maison 10“ ist gerade die Ausstellung „Real Fake/ Fake Fake“ von Michael Miller zu sehen. Der Künstler Miller habe als Projekt absichtlich gefälschte Kunst an Ivanka Trump verkauft, sie nach dem Kauf aber gleich über den Schwindel aufgeklärt und die 350.000 US-Dollar Kaufpreis auch nie angenommen; soviel zum Thema Wahrheit.

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Galerie und Geschäft „Maison 10“, 29th Street NYC

Fazit:
Als roter Faden durch zahlreiche Gespräche zieht sich, dass es sich die USA gar nicht leisten können, ihre selbst gewählte bisherige Rolle aufzugeben. Hunderte Millionen Menschen müssten dann nämlich umlernen, wie es ist, nicht mehr im aus ihrer Sicht besten Land des Planeten zu leben. Hier sind wirtschaftliche Apekte noch gar nicht berücksichtigt, vielmehr spreche ich vom psychologischen Selbstverständnis der US-Amerikaner. Wer nicht der Größte und der Beste ist, der ist vermeintlich angreifbar und das macht Angst. Vorerst wollen viele lieber weiter ihren Traum träumen, irgendwie durchwursteln, statt einzusehen, dass die USA dringend wichtige gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Fragen zu lösen haben. Die Lösungen aber lassen auf sich warten. Die Bevölkerung schiebt diese Aufgabe der Politik zu, die jedoch mit sich selbst beschäftigt ist.

Amerika will groß bleiben. Damit das gelingt, werden die Amerikaner aber einiges tun müssen.